{"id":469,"date":"2019-07-01T20:19:12","date_gmt":"2019-07-01T18:19:12","guid":{"rendered":"http:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/?page_id=469"},"modified":"2024-04-19T21:40:54","modified_gmt":"2024-04-19T19:40:54","slug":"historische-aufarbeitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/?page_id=469","title":{"rendered":"Historische Aufarbeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>AG Historische Aufarbeitung durch den Verein Heim-statt Tschernobyl<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Anfang 2001 arbeiten Mitglieder der Hilfsorganisation Heim-statt Tschernobyl die Ereignisse und Folgen aus dem I. und II. Weltkrieg f\u00fcr den Bereich der Narotsch-Region und den Bezirk um Lepel in Belarus auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangslage waren verschiedene Funde bei den Bauarbeiten im neuen Dorf Drushnaja am Narotsch-See. Dieses Dorf befindet sich auf der alten Kampfeslinie des I. Weltkrieges. Das damit verbundene Geschehen mit \u00fcber 100.000 Kriegstoten ist unter dem Begriff &#8222;Die M\u00e4rzoffensive 1916 am Narotsch-See&#8220; bekannt und beschrieben. Die deutsche Heeresleitung setzte erstmals in der Kriegsgeschichte Giftgas ein. In dem neuen Dorf ist eine kleine Sammlung zusammengestellt worden, die die Kriegsereignisse dokumentiert. Ebenfalls liegt eine Dokumentation \u00fcber die Kriegsgr\u00e4ber der n\u00e4heren Umgebung vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontakte und Gespr\u00e4che mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der umliegenden D\u00f6rfer machten auf die Geschehnisse des II. Weltkrieges &#8211; Zerst\u00f6rung der D\u00f6rfer, Partisanenk\u00e4mpfe sowie Zwangsarbeit &#8211; aufmerksam. Das wird u.a. in dem von Ulrike Jaeger herausgegebene Buch &#8222;Die vergessenen Frauen vom Narotschsee&#8220;, beschrieben. Im Jahre 2004 erhielten wir neue Informationen am Beispiel des Dorfes Kabylnik, dass in der Region um den Narotsch-See 5 j\u00fcdische D\u00f6rfer mit insgesamt 1.743 Menschen, davon 710 Kinder, vernichtet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Spurensuche kommt auch immer mehr die Tatsache in den Blick, dass diese Region nach dem Rigaer Vertrag von 1921 bis 1939 zum polnischen Staat geh\u00f6rte und gerade die dort lebende polnische Bev\u00f6lkerung beim \u00dcberfall und Einmarsch der deutschen Wehrmacht Sympathien f\u00fcr diese zeigten. Das wirkte auch noch weiter im Gegensatz zwischen der Armija Krajowa &#8211; der polnischen Heimatarmee &#8211; und der sowjetischen Partisanenbewegung. Marodierende Gruppen hatten &#8211; noch nach der Befreiung Belarus\u00b4 von der Naziherrschaft am 3. Juli 1944 &#8211; in dem Westteil Belarus bis in die 50er Jahre weiter Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse des II. Weltkrieges kommen nun seit Sommer 2002 verst\u00e4rkt in den Interviews mit belarussischen Veteranen als Zeitzeugen in unser Blickfeld. Dar\u00fcber sind f\u00fcr die Jahre 2003 und 2004 zwischenzeitlich Dokumentationen verfasst worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass seit 2001 in Stari-Lepel ein neues Umsiedlerdorf im Entstehen ist. Lepel geh\u00f6rte seit 1921 zur belarussischen sowjetischen Republik und wurde gleich nach dem \u00dcberfall der deutschen Wehrmacht okkupiert. In dessen Folge entstand die Partisanenzone Uschatschi. Diese umfasste den Raum Polozk &#8211; Lepel s\u00fcdwestlich von Vitebsk. Nach neueren historischen Erkenntnissen ist der Begriff &#8222;Partisanenrepublik Belarus&#8220; insgesamt nicht zu halten, da es, wie bereits angedeutet, zu vielen ethnischen Gegens\u00e4tzen mit unterschiedlichen Zielen gekommen ist. Zu erw\u00e4hnen sei auch, dass es gerade auch j\u00fcdischen Partisanen &#8211; Gettofl\u00fcchtlingen &#8211; schwer gelang, in die gesamte Partisanenbewegung integriert zu werden. F\u00fcr Uschatschi aber ist nach unseren Nachforschungen der Begriff &#8222;Partisanenrepublik&#8220; gerechtfertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lepel errichteten die Deutschen am 3. 7. 1941 ein Getto. Bei dessen Liquidierung ab 28. 2. 1942 durch die Okkupanten wurden u. a. 465 j\u00fcdische Kinder, Erwachsene und alte Menschen 8 km s\u00fcdlich von Lepel in dem Dorf Tschernorutschie umgebracht. Insgesamt sind dort 2.000 Juden aus dem Bezirk get\u00f6tet worden.<br>\nSo haben sich unsere Recherchen zwischenzeitlich nahezu auf alle belarussischen Opfergruppen ausgeweitet. Es sind die Dorfbewohner w\u00e4hrend der Kriegszeit,es sind die Rotarmisten und Partisanen. Es handelt sich um die Ghetto- und KZ-\u00dcberlebenden und um die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinen und Zwangsarbeiter.<br>\nAm 22.6.1944, drei Jahre nach dem \u00dcberfall der deutschen Wehrmacht auf die V\u00f6lker der Sowjetunion, begann die Rote Armee die Gegenoffensive mit 4 Divisionen \u00fcber die Linie Polozk, Vitebsk, Orscha, Mogilev, Bobruisk. Dieses hatte den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte zur Folge. Von den 300.000 Wehrmachtsangeh\u00f6rigen \u00fcberlebten nur 50.000 Soldaten. So ist seit 2004 zu unserer Spurensuche hinzugekommen, dass wir bei der Identifizierung deutscher Kriegstoten vermitteln k\u00f6nnen, alles unter Kooperation mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge.<br>\nAber &#8211; das ergab auch unsere Spurensuche &#8211; wir stie\u00dfen auch auf die Folgen der stalinistischen S\u00e4uberungen in den sp\u00e4ten 30er Jahren, die ihre Vorl\u00e4ufer bereits in der Zwangskollektivierung und dem Religionsverbot hatten, die die \u00f6stliche sozialistische Republik Belarus betrafen.<\/p>\n\n\n\n<p>2004 nahm Minsk einen breiteren Raum unserer Untersuchungen ein, das bezog sich insbesondere auf das ehemalige Getto, in das auch viele Juden aus Deutschland verschleppt wurden. Die Aufgabe dieses Gettos bestand in der Vernichtung der Juden. Es vollzog sich in dem Vernichtungslager Trostenez (mit 2 Nebenlagern). Trostenez mit seinen 206.500 Opfern ist nach Auschwitz, Treblinka und Maidanek das viertgr\u00f6\u00dfte Vernichtungslager \u00fcberhaupt gewesen.<br>\nBei Minsk kamen wir insbesondere auch auf die Spuren der stalinistischen Vernichtungslager -und daf\u00fcr steht der Name Kurapaty; offiziell sind dort 30.000 Opfer angegeben, man vermutet, dass es 600.000 und mehr sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den neueren historischen Erkenntnissen bez\u00fcglich einer Kriegsgesellschaft in Belarus w\u00e4hrend des II. Weltkrieges gingen wir insbesondere w\u00e4hrend der Spurensuche und Zeitzeugeninterviews der Jahre 2003 und 2004 nach. Dazu Fragen nach der j\u00fcdischen Welt in Belarus bis zum Holocaust sowie nach der Bedeutung der belarussischen Territorien w\u00e4hrend der Polnischen Republik 1921 -1939 und eben auch nach der Phase der stalinistischen S\u00e4uberungen (dar\u00fcber mehr in der Homepage <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.ruessmeyer.de\/\" target=\"_blank\">www.ruessmeyer.de<\/a> unter Seniorenbildung Nr. 0062 Spurensuche und Zeitzeugenbefragung 2003 und 0063 f\u00fcr 2004).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den neueren Untersuchungen &#8222;Handbuch der Geschichte von Belarus&#8220; ergibt die Opferzahl f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Belarus 3,4 Mio. Menschen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges, die auf den von Deutschland verursachten und zu verantwortenden Krieg zur\u00fcckgehen. Dazu geh\u00f6ren etwa 650.000 j\u00fcdische Opfer, 1,4 Mio. nichtj\u00fcdische Zivilisten, 800.000 gefallene Rotarmisten und 350.000 in deutscher Gefangenschaft Verstorbene. Die Verluste bei den Partisanen belaufen sich auf etwa 100.000. Von den 380.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern kehrte ein Gro\u00dfteil nicht zur\u00fcck.<br> Hinzu kommen aber auch noch insgesamt 3,6 Mio. belarussische Opfer w\u00e4hrend der sowjetischen Periode.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei unseren Recherchen stellten wir fest, dass die R\u00fcckkehr von Zwangsarbeitern, KZ-H\u00e4ftlingen und Kriegsgefangenen nach Belarus nicht so reibungslos verlief. Kriegsgefangene wurden nach einem Befehl Stalins vom 16. 8. 1941 als Deserteure und Vaterlandsverr\u00e4ter verstanden. \u00dcber Filtrationslager der Staatssicherheitsorgane kam es z.T. zu erneuter Verurteilung in die GULags. Diese Menschen wurden Opfer zweier Diktaturen. Ihre schlimmen Schicksale werden nach einem Vertrag vom 29.04.2002 zwischen der Stiftung S\u00e4chsische Gedenkst\u00e4tten und dem Archivdienst des Komitees f\u00fcr Staatssicherheit der Republik Belarus aufgearbeitet. Eine erste Dokumentation unter dem Titel &#8222;F\u00fcr die Lebenden &#8211; der Toten gedenken&#8220; wurde 2003 herausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere AG verf\u00fcgt zwischenzeitlich \u00fcber mehr als 50 Dokumente, B\u00fccher, Exzerpte von Quellenstudium, Textentw\u00fcrfen und Dokumentationen als Bestandteil der Aufarbeitung. Wir stehen sowohl in Belarus als auch in Deutschland im Kontakt mit Historikern, um somit unsere Ergebnisse auch auf wissenschaftlichem Hintergrund zu \u00fcberpr\u00fcfen; andererseits sind uns die Ergebnisse der Historiker auch hilfreich bei unserer Spurensuche.<br>Gerade in diesen Wochen und Monaten um den 8. Mai 2005 stellten wir vielfach unsere Ergebnisse vor und hoffen mit unseren belarussischen Gespr\u00e4chspartnerinnen und Gespr\u00e4chspartnern, dass der Mensch aus der Geschichte lernt. Ihre und unsere Hoffnung bezieht sich auf einen dauerhaften Frieden!<br><br><a href=\"https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/?page_id=162\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"73\" class=\"wp-image-6360\" style=\"width: 180px;\" src=\"https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht.png 4962w, https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht-300x121.png 300w, https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht-1024x413.png 1024w, https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht-768x310.png 768w, https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht-1536x620.png 1536w, https:\/\/heimstatt-tschernobyl.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/zur-projektuebersicht-2048x826.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AG Historische Aufarbeitung durch den Verein Heim-statt Tschernobyl Seit Anfang 2001 arbeiten Mitglieder der Hilfsorganisation Heim-statt Tschernobyl die Ereignisse und Folgen aus dem I. und II. 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